En travestie !

Woher meine Liebe zu Hosenrollen kommt?

Ich bin androgyn. Männlichkeit ist ein Teil von mir. Hosenrollen mein darstellerisches Ideal auf der Bühne und im Konzertsaal, weil es den Schöngeist der Frau mit dem kämpferischen Auftreten des Mannes vereint und so eine außerhalb darstellender Kunst nahezu unerreichbare Anziehungskraft für Bühnenwelt und Zuschauerraum gewinnt. Meine aktuelle Publikation über die wundervolle europäische Theatertradition der Ruoli en travestie ist auf englisch hier nachzulesen. Viel Vergnügen!

Europe's tradition of breeches parts

Ich habe meine Laufbahn als Koloratursopran begonnen, aber nicht als lyrischer Koloratursporan wie häufig angenommen, sondern als dramatischer Koloratursopran - meine Stimme hat schon im Alter von 13 Jahren, als ich die professionelle Ausbildung begann, eine ausgeprägte Tiefe und eine Tendenz für dramatische Höhepunkte gezeigt. So sang ich vor meinem Studium zweimal die Königin der Nacht in unterschiedlichen Produktionen. Während des Studiums wurde sehr schnell klar, dass die Stimme jedoch nicht in der Höhe, sondern in der tiefen Mittellage ihre größte Kraft entfaltet. Dauerbeanspruchung in der hohen Mittellage des Sopranfaches führte zu Stimmschäden, die mir zeitweise fast Knötchen beschert hätte. Ein Stimmfachwechsel zum Mezzosopran war unausweichlich. Ich bin darüber nicht traurig, denn habe ich vorher liebend gern den Amintas gesungen, so stand mir nun der Sesto offen, habe ich mit der Königin brilliert, so glänzt die Stimme nun mit der Cenerentola. Auch als Mezzosopran blieb meine Stimme fest im Koloraturfach beheimatet und ich liebe Herausforderungen wie die Agitata, weil sie meine Stärken am besten zeigen. Die tiefe Lage bekam außerdem eine große Wärme, die Höhe wurde voller und - auch wenn ich Spitzentöne wie das e''' oder das f''' gerne noch zum Spaß am Ende einer großen Arie dem Publikum als "Zuckerl" kredenze - ich bin vom Scheitel bis zur Sohle ein ausgewachsener Mezzo geworden mit allem, was zu dem Fach des Koloratur-Mezzos und des Hosenrollen-Mezzos dazugehört.

Zusätzlich habe ich ein in Europa unübliches Körpertraining für Hosenrollendarstellung erlernt und bin mehreren Coaches zu großem Dank verpflichtet, darunter Diane Torr. Vor allem aber gilt mein Dank einem guten Freund, der als Tänzer und Trainer den Darstellungsstil der japanischen Takarazua Revue mit mir analysiert und die Techniken für unsere europäischen Opernrollen aufbereitet hat, die natürlich anders funktionieren als Musical- und Revue-Rollen. Erst durch das intensive Körpertraining mit ihm war ich in der Lage die maskuline Physis perfekt auf meinen Körper zu übertragen und die Physiognomie eines jungen Mannes auf der Bühne umzusetzen. Dadurch gelang eine Authentizität der körperlichen Hosenrollendarstellung, die bislang in der Europäischen Theaterwelt unerreicht war. Die japanische Revue legt eine mehrjährige Ausbildung für die Otokoyaku, die Hosenrollendarstellerinnen, zugrunde, die Tanz, Gesang und Schauspiel umfasst und auch anspruchsvolle Hebefiguren und ein rücksichtsloses Tiefentrainig für die Stimmen beinhaltet.  Breast binding ist Basis und die Schnitte der Uniformen und Anzüge lassen keine weibliche Form erahnen. Manchmal bricht dann die Aufführungspraxis mit der erlernten Authentizität und präsentiert die Otokoyaku teils mit weiblichem Make-up, um mit Androgynie zu spielen. In Europa kann man dieses Prinzip umgekehrt beobachten: Hier wird die Hosenrolle traditionell von Maskenbildnern  optisch soweit es geht an die maskulinen Züge angeglichen, vor allem im Gesicht, während es keinerlei Körpertraining für die Darstellerinnen gibt. Dies führt zu komischen Figuren der Darstellerinnen, die überall versuchen durch breitbeinigen Gang den Mangel an Authentizität auszugleichen, was im Verlauf einer Aufführung meist darin gipfelt, dass die Hosenrollendarstellerinnen in die Knie gehen und durch diese Fehlhaltung dann auch noch den Oberkörper nach vorn beugen - es entsteht ein Watschelgang wie bei Enten oder im schlimmsten Fall eine gruselige Haltung, die an Gollum erinnert, mehr als an einen Menschen. Mit Maskulinität hat das nichts zu tun! Hier täten die Frauen besser daran, bei ihrem gewohnten Gang ihrer eigenen weiblichen Physiognomie zu bleiben, dann fehlt der Rolle zwar noch immer die benötigte maskuline Note, aber sie wird wenigstens nicht "unmenschlich" entstellt.

Zuletzt führte leider der durch und durch sexualisierte Theaterbertrieb der letzten 20 Jahre, der fast nur noch Frauen mit deutlichen weiblichen Reizen für alle Rollen einsetzt, zum völligen Verlust der ursprünglichen Attraktivität von Hosenrollen. Aus der im Rollenprofil angelegten subtilen Homoerotik wurde eine unpassende und überflüssige Heteroerotik, die auch jede beliebige Frauenrolle aufweist und die durch sogar im Hosenrollenkosstüm hervortretende Brust- und Gesäßformen noch unterstrichen wird. Die Hosenrollen berühmter Darstellerinnnen wie Maria Malibran, Sarah Bernhardt oder, wenn man die Thematik auch auf die Vereinigten Staaten ausweiten möchte, Maude Adams sind unserer westlichen Theaterkultur verloren gegangen. Niemand empfindet das schmerzlicher als ein androgynes Herz. Darum bringe ich mit meinen Rollen en travestie ab 2026, die historische Ästhetik und den androgynen Charme, der eine Hosenrolle erst ausmacht, in die europäische Musikwelt zurück!


Knabenherz


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Mark & Johann Archivolt
Literatur und Übersetzungswerke
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